Dieses Jahr habe ich meinen Geburtstag dazu genutzt, Patones de Arriba zu besuchen, da es in jeglicher Hinsicht aus dem Rahmen der Madrider Dörfer fällt:

  • Es gehört schon zur Sierra de Ayllón, direkt an der Grenze zu Guadalajara (in der Karte violet markiert). In der Sierra von Ayllón kommt vornehmlich schwarzes Schiefergestein vor, anstatt des Granits, der im restlichen Madrid vorherrscht. Daher gehört Patones zu den wenigen Dörfern Madrids, insgesamt nur 4 von 179, in denen die „schwarze Architektur“ vorherrscht.
  • Außerdem eilt dem Dorf der Ruf voraus, dass dort bis in die Zeit Carlos III ein eigener König regierte.

Sierra de Ayllon map

Karte von Tony Rotondas

  • Zusätzlich kommen noch die auf dem dazu gehörenden Land vorgefundenen reichhaltigen und dicht gedrängten archäologischen Funde und Zeugnisse anderer Epochen dazu. Wenn du dann mit diesem Wissen auf dem Berg die fast 70 km entfernten Hochhäuser der Stadt Madrid siehst, haut dich der Kontrast um.

Wie komme ich hin?

Patones liegt ca. 68 km nordöstlich von Madrid. Es liegt am Südhang der Sierra und weist einen Höhenunterschied von ca. 720 m bis 835 m auf.

Wenn du mit dem Auto von Madrid über die A-1 kommst, musst du an der Ausfahrt 50 auf die N-320 Richtung Torrelaguna abfahren. Du kommst an einen Kreisel. An diesem musst du in den Ort Torrelaguna abbiegen und die M-102 Richtung Patones de Abajo suchen. In Patones de Abajo kannst du dein Auto abstellen und den Weg links 800 m hochlaufen. Das stimmt dich in die Region ein.

Ansonsten kannst du mit dem Auto bis vor das Dorf fahren. Das sind dann 2 km. Das Auto musst du definitiv am Dorfeingang lassen. Das gesamte Dorf ist für den Verkehr gesperrt.

Patones de Arriba und das spanische Lappland

Nach den Worten Sergios del Molino, spanischer Schriftsteller und Journalist, in seinem Buch La España vacía, viaje por un país que nunca fue (Das leere Spanien, ein Land das niemals existierte) bedeutet aus Madrid herausfahren, in einem Umkreis von 300 km keine Stadt mehr vorzufinden, die es würdig wäre, so genannt zu werden. Sobald man rausfährt, trifft man nach spätestens 30 km abrupt auf das „leere Spanien“. Da es die geringste Bevölkerungsdichte Europas hat, wird es auch „spanisches Lappland“ genannt. Ein eigenes Land in einem Land.

Die Leute dort unterscheiden sich eigentlich nicht von den „städtischen Spaniern“, aber die Spanier pochen darauf, sie unterscheiden zu wollen:

  • Entweder werden sie als eine Art unbefleckte Variante der iberischen Seele betrachtet, die in der Kälte der Täler konserviert blieb,
  • oder sie werden als Barbaren abgewertet, die Abseits des spanischen Fortschritts leben und deswegen „Ausländer“ sind.

Eine gewisse Ausnahme macht er, wenn man in Richtung Sierra de Guadarrama fährt.

Sobald du aber von der Autobahn A-1 in diese Berge bei der Ausfahrt 50 Richtung Osten abbiegst, überkommt dich sofort der Eindruck des „leeren Spaniens“. Dieses Gefühl verstärkt sich noch, wenn du zum Dorfteil „Patones de Arriba“ hochfährst. Freilich wirst du dich schnell Dank der Erklärungstafeln und der Restaurierung für den Tourismus für die erste Möglichkeit der unbefleckten Varianten der iberischen Seele entscheiden. Und wenn man bedenkt, dass Patones einen eigenen König hatte, hat Sergio del Molino mit dem Land im Land vollkommen Recht. 😊

Calle del Arroyo Subida - Taberna Real

Die Bevölkerungsentwicklung des Dorfes Patones

1857 wohnten in Patones noch mehr als 1 200 Menschen. Zu dieser Zerit existierte nur der Teil der heute Patones de Arriba heißt.

Bis zum Jahr 2000 reduzierte sich die Bevölkerung auf fast ein Viertel.

1999 wurde Patones de Arriba zum Nationalen Kulturgut (Bien de Interés Cultural) in der Kategorie Conjunto histórico-artístico erklärt.

Seither ist durch die Restaurierung des alten Ortsteils und den Neubau von Wohnungen im neuen Ortsteil Patones de Abajo die Bevölkerung wieder auf über 550 Einwohner angewachsen. Dazu haben sicher auch die Initiativen der Gemeinde zur Ansiedelung von Kleinbetrieben und Selbstständigen wie Kunsthandwerker, Maler und Musiker beigetragen.

Restaurant El Chiscon am Eingang von Patones

Von was lebte man in diesem Dorf?

Patones lebte traditionell in erster Linie von der Schafzucht, und im geringeren Maße von der Ziegenzucht. Auf dem Berg hinter dem Dorf trieb man bis zu 8 000 Tiere zusammen.

Es wurde aber auch Öl und Wein produziert. Für das eigene Brot und die Fütterung der Tiere in den Pferchen baute man Getreide an. Heute findest du hier bis auf eine Unmenge Katzen keine Tiere mehr.

In Patones gibt es viele Katzen

Im Tal wurden Weizen, Gerste und Hafer angebaut, in den Schieferhügeln Roggen. Im Tal wurden aber auch Hülsenfrüchte wie Kichererbsen, Linsen und Platterbsen gesät.

Seit 1970 stellte man mehr und mehr auf Tourismus um. Der große Impuls kam 1999 mit der Erklärung zum Nationalen Kulturgut. Ab da zogen wieder neue Bewohner nach Patones de Arriba, die vornehmlich gastronomische Initiativen ergriffen. Oft handelt es sich um von auswärts zugezogene Menschen. Somit entwickelte sich Patones zum Vorreiter des ländlichen Tourismus in Madrid.

Calle del Arroyo Subida in Patones

Zur Geschichte von Patones

Laut der Website der Gemeinde Patones kommt der Name Patones von dem Nachnamen Patón, den seine Gründer trugen. Deswegen wurde der Ort noch bis ins letzte Jahrhundert „Los Patones“ als Anspielung auf ihre ersten Einwohner genannt.

Die erste Kunde von den Gründern Patones taucht in einer Volkszählung von 1527 in Uceda auf. Das zweite Mal wird Patones 1555 bei einer weiteren Volkszählung erwähnt, die im Archiv von Simancas erhalten ist, wonach das Bauernhaus der Sichel der Patones (heute Patones de Arriba) 7 Nachbarn zählt.

Patones gehörte ursprünglich zur Villa de Uceda (Guadalajara) und unterlag bis 1769 der Gerichtsbarkeit der Villa.

Am 3. August 1769 wurde Patones von Karl III zum von Uceda unabhängigen Dorf erklärt.

Strasse zum Souvenirladen

Nach anderen Quellen soll bei den Bewohnern der Region die mündliche Tradition stark verwurzelt gewesen sein. Unter den Alten rede man von einem verlorengegangenen Buch, in dem die Könige (von Patoens) die Geschichte des Volkes erzählten.

Die Nachbarn von Patones sollen aber ihre Bräuche, Sprache und Gewohnheiten im 18 Jh. verloren haben.

Man geht davon aus, dass während der Napoleonischen Invasion im Ort etwa fünfzig Familien lebten. Die Legende besagt, dass das Dorf wegen seiner Abgelegenheit nicht von der Invasion betroffen war, aber es gibt Dokumente, die belegen, dass das Dorf eine Kuh und 50 Pfund Fleisch an die in Torrelaguna liegende französische Truppe entrichten mussten.

Eines der wichtigsten Ereignisse, die Patones im 19. Jahrhundert betreffen, sind jedoch die ersten Wasserkanalisationsarbeiten für die Trinkwasserversorgung Madrids, den Canal de Isabel II. Als in diesem Rahmen der Staudamm Pontón de la Oliva gebaut wurde, entstanden auch einige der Rohre und Aquädukte, die heute am Eingang zu den Schluchten von Patones, Torremocha und Torrelaguna zu sehen sind. Wenn du von Patones de Abajo nach Patones de Arriba hoch gehst, musst du erst unter dem Kanal durch.

Aquädukt des Canal de Isabel II an Eingang von Patones de Arriba

Ein ganz bemerkenswerter Aspekt ist, dass es in Patones keine sozialen Klassen gab. Dies wird z. B. deutlich, als das Dorf 1908 das Land um das Dorf herum gemeinschaftlich zu gleichen Teilen kaufte. Der Besitz war unteilbar.

Im 20. Jh. dann sollen die Dorfbewohner allmählich in das 1940 gegründete Patones de Abajo gezogen sein. Im Rahmen der Landflucht der 60er Jahre verstärkte sich diese Auswanderung massiv.

Die Legende des Königs von Patones

Die Legende von Patones

So, wie auf diesen Kacheln möchten die Leute gerne an die Legende glauben.

Die Legende erzählt von einer angeblich tausendjährigen Monarchie, für einige westgotischen Ursprungs, die die Besetzung der Iberischen Halbinsel durch die Muslime überstanden hätte. Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde die Legende des Königs von Patones in zahlreichen Büchern als wahr angesehen.

Und so war es wirklich:

Die Existenz des Königs von Patones wird zum ersten Mal 1653 erwähnt, als dieser den Kardinal Moscoso bei dessen Durchreise durch Torrelaguna aufsucht und ihn darum bittet, im Dorf eine Kapelle zu errichten.

Entsprechend der Website der Gemeinde von Patones handelte es sich bei dem König um eine Art Bürgermeister oder Friedensrichter, der laut historischer Dokumente ein alter Mann war, der unter den Nachbarn Recht sprach. Es soll immer der älteste Sohn einer bestimmten Familie des Ortes gewesen sein.

Es wird gesagt, dass, als König Carlos III diese Persönlichkeiten ansprach, er sich auf den König der Leute von Patones bezog.

Nach der Unabhängigkeit von Uceda konnten die Dorfbewohner ihren eigenen Bürgermeister bestimmen. Die Familie Prieto soll das Vorrecht der Rechtsprechung und Regierung gehabt haben. Dazu wurde der älteste Sohn der Familie erbrechtlich bestimmt. Dieser wurde dann im Dorf „König“ genannt.

Die schwarze Architektur

Wie ich schon zu Beginn des Beitrags sagte, gehört Patones architektonisch gesehen zu den „schwarzen Dörfern“ des Ayllón-Gebirges, die hauptsächlich in der Provinz Guadalajara/Kastilien-La Mancha zu finden sind. Der Name kommt daher, dass die Häuser aus schwarzem Schiefer gebaut sind.

Die Gemeinde Patones schlägt eine Route unter freiem Himmel als Pfad eines Ökomuseums des Schiefers (Ecomuseo de la pizarra) vor.

Besichtigungstour durch Patones

Auf diesem Pfad werden dir anhand von Tafeln die emblematischsten Bauwerke, ihr Aufbau und ihre Funktion erklärt. Der Pfad dient somit als Leitfaden zur Entschlüsselung von Lebensformen und traditionellem Kulturerbe. Ich kann dir versichern, dass es sich lohnt, dir die Zeit zu nehmen und diesem Pfad zu folgen.

Die Bauweise

Diese typische Bauweise wurde von den Eltern an die Kinder weitergegeben. Als Baumaterial wurde das verwendet, was in der Gegend vorkam: Schiefer, Holz, (Eichen, Pinien und Pappeln), Lehm und Steine. Im Prinzip eine Bauweise, die man heute als nachhaltig und die Umwelt respektierend bezeichnen würde. Sie fügt sich perfekt in die Landschaft ein.

Man geht davon aus, dass Patones ursprünglich eine ungeordnete Anhäufung von Häusern und Hütten zur Viehhaltung war, die den Siedlungen der vorrömischen keltiberischen Viehzüchter sehr ähnelt. Dies kann man auch an den 4 km entfernten vorrömischen Ausgrabungen in der Dehesa de la Oliva erkennen.

Die Häuser wurden von Großfamilien und Vieh zusammen bewohnt. Sie waren einstöckig und hatten dieselbe Aufteilung wie die Tinados. Erst im 18. Jh. erhielten manche Häuser einen zweiten Stock und ihren Aspekt, wie wir sie heute sehen.

Blick zurück calle del Arroyo

Die Winter sind hier sehr rau. Im Sommer kann es sehr heiß werden, wenn auch nicht so stark wie in Madrid-Stadt. Dieses Klima beeinflusst selbstverständlich auch die Bauweise.

Die Fenster sind klein, um die Kälte des Winters abzuhalten. Auch die Giebeldächer sind durch das rauhe Klima hier bedingt. Die Löcher in den Wänden wurden teilweise mit Kalkmörtel und Erde verschlossen, um das Eindringen von Feuchtigkeit und Insekten usw. zu vermeiden.

Reben in der calle del Arroyo

Herausragende Kennzeichen der traditionellen Bauweise

Das erste Kennzeichen sind die Backöfen. Fast jedes Haus in Patones hatte seinen typischen Backofen, der seinen Rücken in die Straße drückt, obendrauf ein Käppchen aus Ziegeln oder Schiefer und ein Schornstein. Diese Tradition scheint noch aus der Römerzeit zu stammen. Die Backöfen der archäologischen Fundstätte der Römerstadt aus dem I. Jh. v. Chr. – I. Jh. n. Chr. in der 4 km entfernten Dehesa de la Oliva sind ebenso und mit denselben Materialien gebaut.

Haus mit Backofen, der in die Straße herausragt

Jeder buk hier sein eigenes Brot aus Weizen, in schlechten Zeiten auch aus Roggen. In diesen Backöfen entstanden auch die Spezialitäten der Region wie Schaf- und Ziegenlammbraten oder eine Art Griebenkuchen.

Ende des letzten Jh. gab es noch mehr als 20 Backöfen. Heute sind es nur noch ein halbes Dutzend. Die meisten befinden sich in der calle del Despeñadero (Abhang/Klippe).

Blick auf die Backöfen in der calle del Despeñadero

Eine weitere Charakteristik sind die unzähligen Pferche ohne Dach (arrenes), die sich auf den Hängen im Norden des Dorfes befinden. Sie waren normalerweise rechteckig und hatten keine Unterteilung. Hier wurden die Tiere eingesperrt, aber auch Futtergetreide angebaut.

Die dritte Besonderheit stellen die Art Hütten mit Dach und einem Vorhof (tinados) für die Schafe und Ziegen dar. Im Hof wurden die Tiere zum Melken getrennt.

Es gibt eine Kuriosität, die ich vorher nie bewusst wahrgenommen habe: unterirdische Schweineställe (cochiqueras). Jede Familie hatte 1 oder 2 Schweine. Die wurden hier untergebracht.

Die in den im Osten liegenden Berg hineingegrabenen Bodegas und Vorratskeller findest du in Spanien noch oft und werden auch heute noch benutzt.

Das Beste ist, du folgst der auf den Tafeln vorgeschlagene Besichtigungstour. So bekommst du einen systematischen Überblick über Geschichte, Architektur, Lebensweise und Wirtschaft des Dorfes.

Die Eremitage – das Fremdenverkehrsbüro

Die ursprüngliche Eremitage verfügte im Jahr 1653 über einen Glockenturm aus Stein und Kalk. Ein Jahrhundert später (1753) wurde sie zur Kirche San José geweiht. Es soll mehrere Altarbilder gegeben haben, die aber im Bürgerkrieg abhanden gekommen sind. Nach der Umsiedlung der Einwohner nach Patones de Abajo wurde die Kirche nicht mehr genutzt bis sie nach der Restaurierung 1998 als CITECO (Zentrum der touristischen, pädagogischen, kulturellen und Freizeit-Initiativen) wiedereröffnet wurde. Erhalten blieb eine kleine Kapelle mit einem Bild der Jungfrau von Candela, der Schutzheiligen des Dorfes.

Die Kirche San José - Fremdenverkehrsbüro

Der Brunnen und Waschplatz

Brunnen und Waschplatz findest du im unteren Teil des Dorfes neben dem Bach Arroyo de Patones. Der Brunnen ist in seiner jetzigen Form von 1908.

Meine Frau hat noch in ihrer Kindheit an so einem Waschplatz gewaschen.

Brunnen und Waschplatz von Patones

Die Brücke über den Bach Arroyo de Patones

Kurz vor dem Brunnen geht links ein Weg ab in Richtung Friedhof von Patones. Wenn du den Weg siehst, wunderst du dich, wie die Leute die Särge hochtragen konnten. Am Anfang des Weges musst du diese romantisch anmutende Brücke überqueren.

Brücke auf dem Weg zum Friedhof in der Nähe des Brunnens

Quellen

Was kann ich in der Nähe besuchen?

Den Besuch von Patones kannst du mit einer Rundfahrt durch die Sierra Norte, auch Sierra Pobre (Arme Berge) genannt, verbinden. Dabei kannst du zum Beispiel die Kapelle Virgen de la Oliva, die archäologischen Ausgrabungen der Dehesa de la Oliva, die Steinzeithöhle del Reguerrillo, den Stausee von Atazar und den Wachturm Atalaya de El Berrueco besuchen.

Ich würde mich über ein Feedback von dir freuen

Wie hat dir Patones gefallen? Hast du etwas vermisst? Warst Du schon mal in Madrid und hast das Umland besucht? Wie waren Deine Erfahrungen? Hast du noch andere Aspekte, die anderen Lesern helfen könnten? Hast du Fragen?

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